Der Weg aus dem Glashaus

Der Weg aus dem Glashaus

Für die Schülerinnen und Schüler unserer zehnten Klassen war es ein besonderer Tag. Schulleiter Michael Roth begrüßte einen außergewöhnlichen Gast: Deva Manick. Der 39‑Jährige mit tamilischen Wurzeln hatte alles andere als eine gute Kindheit. Seine Erlebnisse bündelte er in seinem Buch „Warum ich im Glashaus mit Steinen warf“ und in seinem Bühnenprogramm „Endlich angekommen!“.

Weg von falschen Freunden

Als Deva Manick zu sprechen begann, wurde es ganz still in der Wangener Stadthalle. Er nahm die Zuhörerinnen und Zuhörer mit auf den Weg in sein Leben – erzählte von Diskriminierung, Gruppenzwang und häuslicher Gewalt, vom gestörten Verhältnis zu seiner Mutter („Sie konnte es nicht besser“), von seinem Rausschmiss aus dem Elternhaus und von Partys der sogenannten Upperclass. Gleichzeitig machte er Mut: Er hat es aus selbst diesem tiefen Tal herausgeschafft.
Seine Botschaft zog sich wie ein roter Faden durch den Vormittag: Jede und jeder trägt eine Intuition in sich, die zeigt, was richtig ist. Und wenn falsche Freundinnen oder Freunde Dinge vorschlagen, die man selbst nicht gut findet, braucht es den Mut, Nein zu sagen. Immer wieder legte Manick sein Buch beiseite, erhob sich und erzählte konkrete Beispiele, die nachdenklich machten.

Alleine die Schule gewechselt

Einen wichtigen Wendepunkt beschrieb er so: Ganz allein entschied er, auf eine Schule im Nachbarort zu wechseln – und zog das durch. Mit 13 Jahren den Freundeskreis zu verlassen und die Schule zu wechseln, war ein großer Schritt. Seiner Mutter, die ihm mit zwölf eine Ohrfeige gab, weil er rauchte, und die ihn mit 19 aus der elterlichen Wohnung warf, weil es immer wieder heftigen Streit gegeben hatte – Vater und Mutter waren zu diesem Zeitpunkt bereits getrennt –, hat er heute verziehen. In der Schule gelang ihm der Aufstieg vom schwächsten Schüler zum Klassenbesten. Einige seiner Mitschülerinnen und Mitschüler reagierten mit Neid; jemand schrieb das N‑Wort an die Tafel. Dass die Lehrerin, der er sich anvertraute, den Schwamm selbst in die Hand nahm und das Wort wegwischte, rechnete er ihr hoch an – ein kleines, aber klares Zeichen.

„Holt euch Hilfe, wenn ihr sie braucht“

Manick sprach offen über die Nachwirkungen der Kriegserfahrungen seiner Mutter und darüber, was das mit Kindern macht, die im Exil aufwachsen. Er nannte es ein kulturelles Dilemma: „Zwischen Loyalität und Selbstschutz zerreiben sich viele.“ Er habe lernen müssen, im Glashaus mit Steinen zu werfen – Tabus zu benennen, ohne die Menschen dahinter zu verurteilen. Später, als er mit 24 eine weitere Krise durchlebte, holte er sich therapeutische Unterstützung. „Ihr müsst Probleme nicht allein lösen“, sagte er zu den Schülerinnen und Schülern. „Sucht euch eure Leute: Freundinnen und Freunde, eine Lehrerin oder einen Lehrer, eine Trainerin oder einen Trainer, eine Beratungsstelle – und teilt eure Sorgen.“ Spannende Fragen der Schülerinnen und Schüler rundeten eine außergewöhnliche Doppelstunde mit einem beeindruckenden Menschen ab. Am Ende blieb vor allem eines: die Ermutigung, der eigenen inneren Stimme zu vertrauen und sich Hilfe zu holen, wenn es nötig ist.

Fotos: Sue, Zeh